Tschechows Kirschgarten wird zur revolutionären Geisterstunde am Dramatheater

Mats Hartmann
Mats Hartmann
2 Min.
Kirschblüten in voller Blüte vor einem Gebäude, umgeben von saftigem Grün und Bäumen, mit einem klaren blauen Himmel im Hintergrund.Mats Hartmann

Tschechows Kirschgarten wird zur revolutionären Geisterstunde am Dramatheater

Eine kühne Neuinszenierung von Der Kirschgarten feiert Premiere am N.-Pogodin-Russischen Dramatheater

Unter der Regie von Timur Karimzhanov wird Tschechows Klassiker mit beeindruckenden Bildern und beunruhigenden Themen neu interpretiert. Im letzten Akt verwandelt sich die Bühne in das Deck des Revolutionären Kreuzers Aurora und verwebt so Geschichte mit dem emotionalen Kern des Stücks.

Diese Version bricht mit der Tradition, indem sie Geister der Gegenwart mit einer Gegenwart verbindet, die zugleich komisch und bedrohlich wirkt. Das Ergebnis ist eine Aufführung, die nachhallt und das Publikum mit mehr Fragen als Trost zurücklässt.

Karimzhanows Inszenierung nimmt sich Freiheiten mit Tschechows Text und führt gespenstische Gestalten der Verstorbenen ein, die die Lebenden heimsuchen. Die Zukunft erscheint hier zerbrechlich, fast unsichtbar, während die Gegenwart mit dem Hämmern von Nägeln und dem Klappern von Werkzeugen abläuft – eine schwarze Komödie über Menschen, die an dem festhalten, was sie nicht behalten können. Die letzte Bühnenbild, das die Silhouette der Aurora evoziert, knüpft das Stück an die Revolution von 1917. Der Schuss des Kreuzers, der einst den Sturm auf den Winterpalast einläutete, wirft nun auch über das Schicksal des Kirschgartens ein revolutionäres Licht.

Irina Poleshntschuks Ranjewskaja ist keine leichtsinnige Aristokratin, sondern eine Frau, zerrissen zwischen Trauer und Selbsttäuschung. Ihre Darstellung streift alle Eitelkeit ab und zeigt jemanden, der im Verlust zu ertrinken droht. Anatoly Kirillins Gajew vermeidet jede Karikatur; seine Monologe klingen wie verzweifelte Beschwörungen gegen die Zeit. Oksana Rozanovas Anja hingegen sprüht vor nervöser Energie, als spüre sie den eisigen Wind des Wandels, bevor er eintritt.

Witali Afimijews Lopachin ist ein Studienobjekt voller Widersprüche – skrupellos im Geschäft, doch ohne persönliche Boshaftigkeit. Sein Sieg über den Kirschgarten wirkt unausweichlich, eher wie ein Geschäft als ein Triumph. Jaroslaw Tschumaks Firs hingegen spendet wenig Wärme. Seine Darstellung neigt zum Untergang, stößt eher auf Ablehnung als auf Mitgefühl.

Die Inszenierung beruhigt nicht. Stattdessen baut sie eine schleichende Beklemmung auf und setzt sich mit Tschechows Original, der Theatertradition und sogar mit dem Publikum auseinander. Die Aurora ragt nicht nur als Kulisse empor, sondern als Symbol des Umbruchs, deren revolutionäres Gewicht auf jeder Szene lastet.

Karimzhanows Kirschgarten hinterlässt Spuren, indem er einfache Lösungen verweigert. Der Schatten der Aurora, die Geister auf der Bühne und das unruhige Gleichgewicht zwischen Komik und drohendem Unheil schaffen eine Aufführung von drängender Aktualität. Sie erzählt die Geschichte nicht nur neu – sie zwingt zu einer Konfrontation mit der Vergangenheit und dem Preis dessen, was folgt.

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