Warum „Dinner for One“ an Silvester zum deutschen Kult wurde

Warum „Dinner for One“ an Silvester zum deutschen Kult wurde
Jedes Silvester versammeln sich Millionen in Deutschland und Österreich, um Dinner for One zu schauen – eine britische Comedy-Sketch aus den 1960er-Jahren. Der kurze Film, der um 1900 in einem englischen Salon spielt, zeigt Miss Sophie und ihren Butler James, der ein aufwendiges Abendessen zelebriert. Obwohl das Stück in seiner Heimat kaum bekannt ist, hat es sich seit den 1970er-Jahren in der deutschsprachigen Welt als fester Brauch etabliert.
Die Szene beginnt in einem prunkvollen, aber heruntergekommenen Herrenhaus der Oberschicht, wo Miss Sophie ihr Abendessen zum 90. Geburtstag ausrichtet. Ihre vier engsten Freunde – längst verstorben – werden vom Butler verkörpert, der zwischen ihren Stühlen hin- und herwechselt, ihre Stimmen und Manieren imitiert. Zu jedem Gang gibt es ein bestimmtes Getränk, und James stößt pflichtbewusst mit jedem abwesenden Gast an, wird dabei aber zunehmend betrunken. Die Komik steigert sich, als er über den Tigerfellteppich stolpert – ein Relikt kolonialer Jagd, das hier als Slapstick-Requisit dient.
Das Ritual selbst ist steif und förmlich, ein Spiegel der ausgehöhlten aristokratischen Welt, die es darstellt. Zwischen Miss Sophie und James herrscht eine Beziehung aus Vertrautheit, Abhängigkeit und etwas Unausgesprochenem – fast schon Verschwörerischem. Ihre Inszenierung hält eine soziale Ordnung am Leben, die längst vergangen ist, wobei der Butler für einen Abend in die Rollen seiner früheren Herren schlüpft. Die Struktur des Menüs mit seinen vielen Gängen und dazu passenden Getränken steht für Klassenbewusstsein und kolonialen Überfluss, während die Szene zunehmend ins Groteske abdriftet.
Seit den frühen 1970er-Jahren strahlt die ARD Dinner for One jährlich aus und hat dem Stück damit einen festen Platz in den Silvesterfeiern gesichert. Regionale Sender wie NDR, WDR und BR wiederholen die Ausstrahlung und sorgen so für eine flächendeckende Reichweite. Die düsteren Untertöne des Sketches – Einsamkeit als stillschweigende Norm, Rituale als Schutz gegen den Verfall – finden beim Publikum Anklang, selbst wenn sie über die Possen des Butlers lachen.
Die Tradition hält sich als Komödie und kultureller Bezugspunkt gleichermaßen. Jahr für Jahr schalten Zuschauer ein, um dieselbe 18-minütige Darstellung zu sehen, in der sich Absurdität und Melancholie vermischen und so den Übergang ins neue Jahr markieren. Für viele ist die Mischung aus Nostalgie und Satire mittlerweile genauso unverzichtbar wie Feuerwerk oder Sekt.

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