02 April 2026, 08:19

"Todesbunker von Volmarstein": Wie Thomas Frauendienst 80 Operationen und Folter überlebte

Eine historische Illustration, die einen Prozess mit Porträts von Individuen, drapierten Vorhängen und geschriebenem Text auf einem Papier zeigt.

"Todesbunker von Volmarstein": Wie Thomas Frauendienst 80 Operationen und Folter überlebte

Thomas Frauendienst wurde in der Nacht seiner Geburt im Jahr 1964 in eine Einrichtung gebracht. Mit angeborenen spastischen Klumpfüßen zur Welt gekommen, erlitt er jahrelang Misshandlungen, medizinische Experimente und Vernachlässigung im sogenannten "Todesbunker von Volmarstein". Seine Geschichte rückt erneut in den Fokus, nachdem bekannt wurde, dass Hunderte Kinder in Nordrhein-Westfalen in den gleichen Jahren ohne ihre Zustimmung als Versuchspersonen in Heimen missbraucht wurden.

Frauendienst erblickte am 23. März 1964 mit der Diagnose "Fußfehlstellung" das Licht der Welt. Da er von seiner Familie nicht gewollt war, wurde er umgehend in das Johanna-Helene-Heim in Volmarstein gebracht. Dort wurde er unter der Nummer 2033 in ein Verzeichnis mit dem Titel "Kinder in Sonderverwendung" eingetragen – angefertigt vom leitenden Arzt der Einrichtung.

In den folgenden vier Jahren durchlitt er über 80 Operationen, chronischen Hunger und wiederkehrende Gewalt. Das Gebäude, in dem er untergebracht war, erhielt einen makabren Beinamen – kein Kind verließ es je lebend. Sexueller Missbrauch und medizinische Experimente ohne Einwilligung prägten seinen Alltag.

1968 griff eine Diakonisse ein, indem sie die Notbremse eines Zuges zog und drohte, die Zustände öffentlich zu machen. Unter diesem Druck gab die Einrichtung Frauendienst schließlich an seine Eltern und eine Familienfreundin frei. Zu diesem Zeitpunkt war er schwer unterernährt.

Eine Studie aus dem Jahr 2020 bestätigte später, dass mindestens 500 weitere Kinder in Einrichtungen Nordrhein-Westfalens – darunter auch im Johanna-Helene-Heim – unzulässigen medizinischen Tests unterzogen wurden. Etwa jedes fünfte Kind in diesen Heimen war von missbräuchlichen Medikamentenpraktiken betroffen. Frauendienst erhielt schließlich 5.000 Euro von der Diakonie Rheinland/Westfalen-Lippe sowie 4.000 Euro von der "Stiftung Anerkennung und Hilfe" als teilweise Entschädigung.

Trotz der emotionalen Distanz zu seinen Eltern versöhnte er sich mit ihnen vor ihrem Tod. Sein Fall bleibt ein erschütterndes Beispiel für das systemische Versagen in deutschen Fürsorgeeinrichtungen der Nachkriegszeit.

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Frauendienst' Schicksal wirft ein Schlaglicht auf ein dunkles Kapitel der Heimgeschichte in Nordrhein-Westfalen. Zwar wurden Entschädigungen gezahlt, doch die Narben seiner frühen Jahre bleiben. Die Studie von 2020 unterstreicht, wie verbreitet solche Missstände waren – und wie viele Opfer möglicherweise bis heute unentdeckt geblieben sind.

Quelle