Pflege zu Hause kostet Familien tausende Euro – doch der Staat hilft kaum
Henry BraunPflege zu Hause kostet Familien tausende Euro – doch der Staat hilft kaum
In Deutschland sind die meisten pflegebedürftigen Menschen auf Unterstützung im eigenen Zuhause angewiesen – und nicht auf stationäre Einrichtungen. Offiziellen Angaben zufolge werden 85,9 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, wobei mehr als die Hälfte ausschließlich von Angehörigen betreut wird. Doch trotz dieser klaren Präferenz kritisieren Experten, dass die finanzielle Belastung für Familien deutlich höher ausfällt als bei einer Unterbringung in Pflegeheimen.
Nach deutschem Recht hat die häusliche Pflege Vorrang – so sieht es Paragraf 3 des Elften Buches des Sozialgesetzbuchs (SGB XI) vor. Dieses Prinzip garantiert, dass Betroffene selbst entscheiden können, wo und wie sie Unterstützung erhalten: ob durch Familienmitglieder, professionelle Pflegekräfte oder eine Kombination aus beidem. Aktuell leben nur 14,1 Prozent der Pflegebedürftigen dauerhaft in vollstationären Pflegeeinrichtungen.
Angehörige tragen dabei oft den größten Teil der Pflegearbeit und leisten im Schnitt 49 Stunden pro Woche. Bei einem geschätzten Stundenwert von etwa 15 Euro summiert sich diese unbezahlte Arbeit zu einem erheblichen Kostenfaktor in der häuslichen Pflege. Anders als in Pflegeheimen, wo staatliche Zuschüsse zum Eigenanteil die Belastung mit der Zeit mindern können, bleiben die Ausgaben für die häusliche Pflege konstant. Bei schwerer Pflegebedürftigkeit können die monatlichen Eigenleistungen der Familien sogar über 7.000 Euro betragen.
Demgegenüber fallen für Heimbewohner zwar geringere, aber dennoch beträchtliche Kosten an. So lag der durchschnittliche Eigenanteil für Neuzugänge in Bayern 2024 bei 2.994 Euro, in Baden-Württemberg bei 2.907 Euro – mit einer prognostizierten Steigerung auf 3.532 Euro bis 2026. Bundesweit mussten neue Heimbewohner im Schnitt über 3.200 Euro pro Monat selbst aufbringen. Bei der häuslichen Pflege hingegen schwanken die Kosten stark: Sie reichen von 340 bis zu 7.441 Euro monatlich, bei einem Median von 2.085 Euro – allesamt Beträge, die nicht von der Pflegeversicherung übernommen werden.
Der Bundesverband "wir pflegen" e.V. weist seit Langem auf diese Ungleichbehandlung hin und kritisiert, dass das System diejenigen benachteiligt, die sich für die Pflege zu Hause entscheiden. Während Heimbewohner schrittweise finanzielle Entlastung erfahren, erhalten Familien, die die Pflege eigenständig organisieren, keine vergleichbare Unterstützung.
Die deutliche Kostendifferenz zwischen häuslicher und stationärer Pflege bleibt damit eine zentrale Schwachstelle im deutschen Pflegesystem. Da der Großteil der Pflegebedürftigen auf Angehörige angewiesen ist, wird die finanzielle Belastung für die Familien ohne politische Reformen weiter bestehen. Die aktuellen Regelungen sehen keine Entlastung für die häusliche Pflege vor – viele müssen daher monatlich Tausende Euro aus eigener Tasche aufbringen.