Kölner Stadtarchiv: Wie ein Einsturz die Stadt bis heute prägt und spaltet
Marie SimonKölner Stadtarchiv: Wie ein Einsturz die Stadt bis heute prägt und spaltet
2009 stürzte das historische Kölner Stadtarchiv während U-Bahn-Bauarbeiten ein und begrub 1,7 Millionen Dokumente unter sich – zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Die Katastrophe hinterließ tiefe Wunden, sowohl physisch als auch emotional, in der ganzen Stadt. Mehr als ein Jahrzehnt später ist der Ort noch immer umstritten: Juristische Auseinandersetzungen, künstlerische Würdigungen und anhaltende Debatten über die Neugestaltung prägen die Gegenwart.
Der Einsturz ereignete sich, nachdem kritische Stahlträger gestohlen und an einen Schrotthändler verkauft worden waren. Schon Wochen zuvor hatten benachbarte Kirchen Risse bekommen, und das Archivgebäude selbst begann sich zu neigen. Als sich schließlich der Grundwasserkrater öffnete, verschlang er das gesamte Archiv und zerstörte zwei angrenzende Häuser, in denen zwei junge Männer ums Leben kamen.
Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), die über keine Erfahrung mit großangelegten Tunnelprojekten verfügten, hatten die Bauarbeiten geleitet. 2018 wurden der Bauleiter und der Oberbauleiter wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen verurteilt. Doch 2024 wurden diese Urteile aufgehoben, und die Verfahren wurden schließlich eingestellt.
Seit der Katastrophe ist die Baustelle eine offene Wunde in der Stadt geblieben. Bagger, Lkw und Arbeiter sind noch immer vor Ort, doch für viele bleibt unklar, welche konkreten Aufgaben sie dort erfüllen. Die nach dem Einsturz errichteten provisorischen Betonkonstruktionen sollen bald abgerissen werden, während die Arbeiten an der Nord-Süd-U-Bahn-Linie weitergehen. Nach ihrer Fertigstellung wird die Strecke den Fahrgästen voraussichtlich acht Minuten Reisezeit ersparen.
2022 brachte der Künstler Reinhard Matz mit Klagelied in acht Tafeln eine visuelle Chronik des Einsturzes an der Bauzäunen an. Unterdessen setzt sich die Aktivistengruppe ArchivKomplex seit 2011 für eine sinnvolle Mitgestaltung der Neugestaltungspläne und eine würdige Erinnerung an die Katastrophe ein.
Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs tilgte tausend Jahre dokumentierte Geschichte und warf bleibende Fragen nach Verantwortung auf. Während die Bauarbeiten voranschreiten, halten die Debatten über Erinnerung, Schuld und die Zukunft des Ortes an. Die Stadt steht nun vor der Herausforderung, Fortschritt mit dem Respekt vor dem Verlorenen in Einklang zu bringen.






